Thilo Sarrazin, sein Rassismus und eine merkwürdige deutsche Öffentlichkeit

Freerk Huisken, der im vergangenen Juni schon einmal in Berlin referierte, kommt Ende des Monats wieder in die Hauptstadt. Und auch diesmal spricht er zu einem öffentlich viel behandeltem Thema.

28.Oktober :: 19 Uhr
Humboldt-Universität :: Unter den Linden 6 :: Raum 3094/3096
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Thilo Sarrazin und seine Kritiker: Dummheit und Gemeinheit der Debatte über deutsches Volkstum

Warum gibt es eigentlich diesen Wirbel um das Buch von Sarrazin? Warum giften die Feuilletons der liberalen Blätter? Warum musste der Autor seinen Platz im Vorstand der Bundesbank räumen? Warum gilt er den Parteien dort als unhaltbar und warum sieht die SPD für ihn keinen Platz mehr in ihrer Partei? Dabei teilen doch die Volksparteien gerade im Prinzipiellen seine Urteile zur Bevölkerungspolitik: Wenn die hiesige Bevölkerung mit und ohne Migrationshintergrund sich als nützliche Ressource für nationales Wachstum, für Zuwachs an innerer und äußerer Macht bewähren soll, dann muss sie nicht nur für brauchbaren und guten deutschen Nachwuchs sorgen, sondern sich gemäß der deutschen Tugenden wie Fleiß, Ordnung, Tüchtigkeit usw., bewähren. Die Gemeinheit dieses politischen Standpunktes, der Lebensqualität und Lebensrecht der Bewohner dieser Republik an ihren Nutzen für Staats- und Kapitalmacht bindet und von der Erfüllung der Maßstäbe von „deutscher Leitkultur“ abhängig macht, wird doch auch dadurch nicht freundlicher, dass regierende Politiker sich bemühen, ihn als Dienst an ihrem Volk, als Sorge um Arbeitsplätze, um Bildung für Unterprivilegierte oder um Kita-Plätze für deren Nachwuchs vorzustellen.

Es muss ja wohl auch etwas mehr als der „Tonfall“, mehr als ein Vergehen gegen die Maßstäbe der „political correctness“ sein, der da angegriffen wird. An solche Töne hat man sich doch in der Vergangenheit gewöhnen können bzw. müssen. Kein Stoiber („Durchrassung des deutschen Volkes“), kein Beckstein („Wir brauchen Ausländer, die Deutschland nützen, und keine Ausländer, die Deutschland bloß ausnützen.“), kein Rüttgers („Kinder statt Inder!“) musste dafür seinen Stuhl in Amt und Partei räumen. Was also stört die regierende politische Elite an dem Herrn Sarrazin?

Wenn er von der zunehmenden Verdummung des deutschen Volkes redet – „Unsere Bildungspopulation wird von Generation zu Generation immer dümmer. Der Anteil der intelligenten Leistungsträger fällt kontinuierlich ab.“ –, dann weist er zum einen auf bekannte PISA-Befunde hin, die den letzten Regierungen nicht unbekannt sein dürften, und läuft bei Familienministerinnen offene Türen ein, die längst mit ihrem Elterngeld den „intelligenten Leistungsträgerinnen“ Angebote gemacht haben, ihre merkwürdige Vorstellung von Frauenemanzipation zu verwirklichen, nämlich Karriere in der Elite und Kinderwunsch zu verbinden. Selbst die Frage nach der angeborenen Intelligenz bzw. Dummheit kann kaum zu dieser Sorte Aufregung führen. Den Unfug, dass Begabung und Intelligenz irgendeine nicht näher zu definierende Mischung aus Anlage und Umwelt, von Genen und Erziehungseinfluss seien, müssen Lehramtsstudenten seit Jahrzehnten lernen, um erstens ihr Aussortierungswerk an den Kindern deren Anlage zuzuschreiben, darüber aber zweitens nicht an ihrem Job irre zu werden.

Sarrazin trage zur „Spaltung zwischen In- und Ausländern“ bei, vertiefe damit die Kluft zwischen muslimischen Parallelgesellschaften und deutschen Eingeborenen, schimpft Frau Merkel. Dabei muss man doch erst einmal ganz nüchtern registrieren, dass diese „Spaltung“ nicht auf das Konto des Buches von Th.Sarrazin, sondern auf das der nationalen und europäischen Ausländerpolitik geht. An den Mauern um Europa und an der Denunziation von Ausländern als prinzipiell verdächtige Diener fremder Herren hat Sarrazin allenfalls in seiner Funktion als Finanzsenator von Berlin mitgewirkt. Dabei spaltet das Machwerk in der Tat. Tatkräftig unterstützt von BILD und anderen Organen geht ein Riss durch die deutsche Bevölkerung: Dabei sind es vornehmlich die von Sarrazin für dumm erklärten Deutschen, die sich in Scharen hinter ihm versammeln, und aus Akademikerkreisen, von denen er sich für Deutschland mehr Kinder wünscht, bläst ihm der Wind scharf entgegen.

Vielleicht liegt da ja der Hund begraben: Da hetzt ein führendes Mitglied der deutschen Elite, also nicht etwa ein von vornherein für unglaubwürdig erklärter Neofaschist das deutsche Volk gegen muslimische Araber und Türken auf. Und das, wo die Regierung einige Mühe aufwendet, für Harmonie im Land und für Loyalität all jener Insassen mit und ohne Arbeit, mit und ohne Kopftuch, mit und ohne Schulabschluss, mit und ohne deutschen Pass Reklame zu machen, die den Willen aufbringen, sich in Deutschland irgendwie einzurichten.

Da ist also so einiges zu klären.

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1 Antwort auf „Thilo Sarrazin, sein Rassismus und eine merkwürdige deutsche Öffentlichkeit“


  1. 1 Thilo Sarrazin und seine Kritiker: Dummheit und Gemeinheit der Debatte über deutsches Volkstum. « Reiten, lesen, Freund_innen treffen Pingback am 18. Oktober 2010 um 12:00 Uhr
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