Archiv für Juni 2011

Dem Spiegel seine unverschämte Tränendrüse

Der Spiegel, die Bild-Zeitung für Abiturienten, möchte heute mal auf die Griechen zu sprechen kommen. Das ist nicht neu, denn das macht man dort ja seit Wochen in gewohnter Manier. In gewohnter Manier geht es auch ordentlich nationalistisch zu. Dass die Griechen, zwecks kapitalistischer Effizienz, sparen müssen, müssen, müssen, müssen, und nochmals müssen, steht für ihn außer Frage, denn sonst geht ja der Euro zu Boden, für den wir so fleißig ackern. Alles Sachzwänge versteht sich. Wer erfolgreich sein will, der muss hier, wie auch auf der Peloponnes, Kurzarbeit- und Leiharbeit, sowieso das Runterschrauben des Sozialstaats hinnehmen. Das müssen auch die Griechen verstehen, tönt es seit Monaten aus der Hamburger Redaktion. Und nun, wo die Griechen ein Sparpaket nach dem anderen auf u.a. deutschen Druck hin durch ihre politische Landschaft manövrieren, kommt der Spiegel und erzählt die traurige Geschichte vom Lokführer Georgios. Schuld an diesem Elend ist – selbstverständlich – nur jener Griechische Staat, der aus Sicht der Deutschen viel zu ineffizient gearbeitet hat und deshalb – selbstverständlich – gegen die Wand gefahren ist. Und wer leidet unter diesem – nach deutscher Ägide zurechtgestutzten – Staat? Die armen Griechen. Dass der sozialstaatliche Umbau, wie auch der international wirtschaftliche Misserfolg nicht zuletzt auch auf die Rechnung der Bundesrepublik geht, davon will der Spiegel nichts wissen. Der Platz an der Sonne als voriger Exportweltmeister ist eben nicht trotz, sondern wegen EU-Kameradschaftlichkeit und Weltordnungsambitionen zu schön. Da will man auf den besten Kunden Griechenland u.a. in Sachen Rüstungsexporte nicht verzichten und wundert sich, warum die vor die Hunde gehen, während wir munteres Wirtschaftswachstum verzeichnen. Und am Ende leiden die einfachen Leute.
Traurige Welt. Kapitalistische Welt.

Alba Berlin vs. Brose Baskets Bamberg

Ob der Sommerpause und der Tatsache, dass ich die O²-World1 in Berlin-Friedrichshain noch nicht besucht hatte, ließ ich mich am Dienstag vergangener Woche mal dazu hinreißen den Profi-Basketball zu besuchen. Dieser ist mit den Albatrossen nun auch einige Titel schwer und so standen die Berliner nun auch wieder im Finale. Konnten die Bamberger bis dahin alle zwei Heimspiel gewinnen, hatten sie nun das Matchgame.
Kaum in der Halle schlug einem eine Welle von Gleichschritt-Atmosphäre und Showprogramm entgegen, demgegenüber man sich einzig und allein als Konsument wiedererkennen kann. Uns gegenüber befand sich der Alba-Fanblock, wo ein paar Fans Ultra-ähnlich mit kleinen Fahnen und Doppelhaltern unsere Aufmerksamkeit erhaschten. Es wirkte doch ein wenig wie die Ultras zu beginn der 2000er, die mit Simpsonsfiguren und noch etwas amateurhaft daherkamen. Hinter uns unterstützten ein paar hundert mitgereiste Franken das Team aus Bamberg. Der Rest der Halle tat, was er sollte. Fleißig wurde entsprechend den Anforderungen an ein erfolgreich durchgeplantes Event mitgeklatscht und man ließ sich berieseln. Passend dazu kam ein kompletter Fanblock von Eisbären, die auf Grund einer Kooperation von Alba und dem EHC heute die Basketballer supporteten. „Was wohl geschehen würde, wenn man jetzt einfach mal eine Fackel anreißt?“ durchfuhr es mich manches Mal gedanklich, denn soviel unkontrollierte Emotion hätte hier wohl für einige Aufsehen gesorgt.
Spielerisch gab es einiges was den geneigten Berliner Fan befriedigen sollte. Nach starkem Start der Gäste übernahm recht flott des Team des ehemaligen BG Charlottenburg die Lufthoheit und brachte es damit nach Spielen mit dem heutigen 87:67 auf ein 2:2, was ein finales Spiel in Bamberg erfordert. Dies wurde am Sonnabend, wie inzwischen ja bekannt ist, aus Sicht der Hauptstädter verloren. Bamberg ist Meister.
Mit gemischten Eindrücken verließ ich die Halle. Einerseits widerte mich die gesamte Atmosphäre, bei der man nicht mehr als Zuschauer ist, einfach nur an – nicht zuletzt, weil man vor dem Spiel obligatorisch so richtig schön nationalistisch mit dem Nationallied auf Linie gebracht werden soll. Auf der anderen Seite war ich auch beeindruckt vom Hallensport, der genauso mitreißen kann und eigentlich mehr Öffentlichkeit und aktives Fanwesen verdienen würde.

  1. Bis dahin sah ich dem Bau zu und genoss abendlich nicht selten aus der Entfernung die großen blinkenden Videowände an der Außenseite. Manchmal zeigten sie die Werbung für kommende Stars. Manchmal Cola-Werbung oder die anderer Konzerne. Und manchesmal flackerte sogar Che Guevara auf. [zurück]

„Der Hooligan: Fußballfan, Punker, Neonazi – Eine wahre Geschichte aus Berlin-Köpenick“

Nicht lang ist es her, da habe ich das Buch zugeschlagen und war fertig. Auf 335 Seiten erzählt Damaris Kofmehl die Geschichte von Jan Günther in dem Buch „Der Hooligan: Fußballfan, Punker, Neonazi – Eine wahre Geschichte aus Berlin-Köpenick“.

Dieser wächst in der DDR auf, aus der er zumeist nur fliehen will und als erklärter Staatsfeind zunächst Punker und dann Skinhead wird, weshalb er auch schon im Jugendalter nach Dessau ins Gefängnis kommt. Bei einer Hausdurchsuchung fanden die Beamten allerlei verfassungsfeindliche Liedtexte und Schmierereien. Wieder draußen unternimmt Jan schon bald den ersten Fluchtversuch, der grandios scheitert und ihm diesmal das Gefängnis des Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin Hohenschönhausen beschert. Durch das Glück der Amnestie kommt er in der Wendezeit frei und schafft es bald doch rüber zu machen. Als einzige Konstante seines Lebens zieht sich sein Fantum als BFC-Hooligan. Dabei erzählt er große Geschichten, die die Anhängerschaft um den Stasi-Club zum Mythos werden lassen sollten. Als er mit seiner Fußballkneipe in kriminelle Kreise abrutscht, zieht er irgendwann die Reißleine. Ab hier wandelt sich sein Leben. Allerdings nicht zum Guten. Aus dem knallharten Neonazi wird der nicht weniger ideologisch verblendete Christ. Auf geradezu fundamentalistischer Weise lesen sich darum die hinteren Seiten des Buches wie eine Erzählung, die original aus der Feder eines Zugedröhnten stammen könnten, der sich gerade in ganz anderen Sphären bewegt.
Nichtsdestotrotz möchte ich jedem das Buch empfehlen, der sich für die Fankultur und die Hooligans in der DDR interessiert und diese Subkultur nachvollziehen möchte. Leider jedoch – wie bereits angedeutet – zieht Jan immerwieder die falschen Schlüsse aus den Problemen und Widersprüchen seines Lebens.