Archiv für November 2011

Auf der Straße, im Ostseestadion und im wahren Leben: Pure Vernunft darf niemals siegen!

In den vergangenen zwei Tagen prasselte – nicht ganz zu Unrecht – einige Kritik hier und andernorts auf mich ein, die sich im Wesentlich auf meinen Bericht zur Begegnung des F.C. Hansa mit dem FC St.Pauli befasste.4 Die Kommentare lasse ich an dieser Stelle mal unter jenem Bericht so stehen. Und in der Tat unterschied er sich ja von sonstigen und war deutlich weniger kritisch. Ich lasse ihn – trotz der Kritik – aber stehen, als schändliches, wie wohl die Italiener sagen würden, und zugleich mahnendes Beispiel. Ein Beispiel dafür, dass ich mich natürlich genauso wenig einer Ultra-Ideologie, wenn man sie denn so bezeichnen will, entziehen kann und irgendwie auch will, als andere. Und als Beispiel dafür in welchen Widersprüchen sich diese Ideologie bewegt. Denn, wie schon die italienischen Ultras 1995 nach dem Tod von Vincenzo Spagnolo konstatierten, ist diese Welt der Ultras „trotz all ihrer Widersprüche, doch [eine] freie und wahre Welt“. „Frei“ vor allem, weil sie gesellschaftliche Räume öffnet, die sich einer gewissen staatlichen Regulierung entziehen und damit Entfaltungsmöglichkeiten erschließt, die unter normalen Umständen wohl nicht da wären. Welcher Art diese Entfaltungsmöglichkeiten sind, dazu (hoffentlich) gleich mehr. Und „wahr“, weil bei den Ultras schlicht nicht das Geschwätz, sondern die Tat entscheidet. Nicht das mediale Aufgeblase und zunächst auch nicht die ganz kritische Reflexion.
Tatsächlich war vorangegangener Bericht vom Spiel zwischen Hansa Rostock und Sankt Pauli eher nicht reflektiert. Das war er vor allem nicht, weil ich mich eben auch in der Welt der Fußballfans und Ultras mehr oder weniger bewege und dieses Spiel eben mitspiele. Dieses Spiel ist dabei nicht etwa eine faire Sache, auch wenn sich die Beteiligten das gern vormachen. Dieses Spiel dreht sich vor allem um identitäre Leistungsvergleiche zwischen Szenen, die dazu noch ihre ganz eigene Mentalität „verfolgen“. Verfolgen in dem Sinne, als dass sie sich hehre Ziele schaffen, unter deren Vorzeichen – ihrer Meinung nach – die Leistungsvergleiche vonstatten zu gehen haben. Da unterscheidet sich die Fanszene vom FC St.Pauli so wenig von der in Rostock, der in Dortmund oder in Stuttgart. Sie alle wollen sich gegeneinander beweisen, wie toll, hart, kreativ, brachial, ausgefuchst und letztlich überlegen sie sind. Das Maß ist die Mentalität, der die verschiedenen Gruppen und Fanszenen nachrennen. Dass die Leistung, etwas darzubieten, allerdings zu erbringen ist, damit man sich beweist, ist dort nirgends strittig. Und das auch nicht in Fanszenen, wie der des FC St.Pauli, die auch so hehre Ziele von Menschlichkeit und Toleranz auf ihre Fahnen schreibt.
Am Sonnabend nun schossen Hansafans Raketen in den vollbesetzten Gästeblock des Ostseestadions. Auch Böller flogen. Damit wurde in Kauf genommen, dass andere Fans verletzt werden. Sie bewiesen damit, dass sie sich von Sankt Paulianern, die im Ostseestadion ihre Mannschaft bejubeln, nichts vormachen lassen brauchen. Sie gelten etwas, das machten sie klar. Ebenso klar machen die Sankt Pauli-Fans, dass sie im Gegensatz zu den Rostockern was gelten und sind, wenn sie letztere mit „Who the fuck is Hansa Rostock?“ gesänglich zu einem unbekannten Niemand herabwürdigen. Das Maß ist ein Unterschiedliches. Während die Fans vom FC St.Pauli also diesem Spiel, den Wettkampf um die beste Leistung und Geltung, auf der rein ideologischen Weise begegnen, gehen die Rostocker weiter. Sie lassen sich nicht durch Fans anderer Vereine ihre Identität, etwas zu sein und zu gelten, absprechen. Sie weisen sie in die Schranken und das in letzter Konsequenz durch Angriff auf die Physis und körperliche Integrität des Gegenüber. Das ist sicherlich extremer, verfolgt aber keine anderen Zwecke.
Diese Ideologie der Ultras ist kein Alleinstellungsmerkmal. Vielmehr ist sie gesellschaftlich allgegenwärtig, anerkannt und durchgesetzt. Das Verbotene daran ist die physische Durchsetzung eines Geltungsanspruches entgegen des staatlichen Gewaltmonopols. Mittels Recht und Gesetz schließlich darf und muss sich jeder in die Logik der Leistungsgesellschaft einordnen. Sei es am Arbeitsplatz oder in der Freizeit. Dass manche dabei auf der Strecke bleiben, wird gern ins Positive gewendet, dass man hierzulande ja einen Haufen von Möglichkeiten, sich zu beweisen und erfolgreich zu sein, hat. Wer aber eben auf der Strecke bleibt – jetzt erstmal ganz materialistisch – und unterm Strich entsprechend der Leistungsgesellschaft versagt, der muss zu sehen, wie er sich und seinem Ego Geltung verschafft. Und da ist der ideologische Knackpunkt. Das Ego. Denn wer nichts ist, kann sich zumindest mit Prestige und Anerkennung, also durch sein Ego, Erfolg verschaffen. Davon kann er sich nur müßig ernähren, aber immerhin. Wird ihm genau das in Frage gestellt, artet das mit unter eben auch in derlei Gewalttätigkeiten an Spielfeldrändern, Stadiontribünen oder des nächtens auf U-Bahnhöfen aus.1 Genau dieser Logik folgen die Ultras, folgen die Fans.2 Und genau deshalb klatscht das Publikum eines ganzen Fußballstadions bei einem Derby, wenn Raketen in den Block der Gäste fliegen. Das macht es ganz sicher nicht besser, aber entblößt zumindest die moralverwässerte Suche nach Schuldigen, wo sich hier doch eigentlich alle zu Schulidgen machen, die dieses Spiel mitspielen. Diejenigen die abschießen. Diejenigen die klatschen und anfeuern. Auch diejenigen, welche durch nicht andersgerichtete Verlautbarungen den Gegner in seiner psychischen Integrität attackieren, diesmal aber eben die physisch Getroffenen sind. Und nichtzuletzt all jene, die alltäglich das Leistungsprinzip als gesellschaftliches Ordnungsprinzip hoch halten.
Obendrein hat man es bei diesem Spiel, einem Derby der zweifelsohne besonderen Art, mit einer verschärften Zuspitzung zu tun. Das spielt für die Wahl der Mittel keine unerhebliche Rolle. Beide Seiten sind entsprechend motiviert ins Spiel gegangen. Im Kampf um Ruhm hat man diesseits und jenseits der Landesgrenzen eine ganze Menge in die Waagschale geworfen. Darf pure Vernunft also niemals siegen?3

  1. Zu empfehlen an dieser Stelle das Buch „Über die Unregierbarkeit des Schulvolks. Rütli-Schulen, Erfurt, Emsdetten usw.“ und dort insbesondere der Part zu Jugendgewalt als Ideologie von Freerk Huisken aus dem VSA-Verlag. [zurück]
  2. Das ist nicht die einzige Logik bzw. Mentalität, derer sich die Ultras und Fans verschreiben, aber immerhin doch eine derer, die auch im öffentlichen Diskurs eine prägende Rolle spielen. Sich mit diesem Irrsinn (wenn man ganz ehrlich und vor allem vernünftig ist, muss man das schlicht so benennen) zu befassen, kann also nicht nur die Fankultur nach vorn bringen, sondern auch mal fragen, welche Rolle dafür eigentlich die bürgerliche Gesellschaft spielt. [zurück]
  3. Oder doch „Fight the Game and fight the Player!“? [zurück]
  4. Dieser inzwischen gelöscht. Grund sind neuerliche Ereignisse… [zurück]

Beitrag zur Pyro-Diskussion auf hansafans.de

Auf dem Fanportal hansafans.de findet sich ein lesenswerter Beitrag zur aktuellen Pyro-Diskussion. Leider wurde dort noch nicht auf die neueste Frechheit eingegangen, dass der DFB sich jetzt zu demjenigen aufschwingen will, der den Dialog anbietet. Das war nämlich das scheinheilige Ergebnis des gestrigen Runden Tischs. We will see…

Offener Brief von Fanforschern an den Runden Tisch von BMI und DFB

Eine ganze Menge Fanforscher aus Deutschland hat sich zusammen getan und einen Offenen Brief an das Bundesinnenministerium und den Deutschen Fußball-Bund geschrieben, da diese heute an einem Runden Tisch zusammen kommen und u.a. über Konsequenzen der aktuellen Gewalt- und Pyrotechnik-Debatte sprechen. Nicht eingeladen sind jedoch Fanbetreuer und Fanprojekte, welche zum Teil seit mehreren Jahrzehnten an und mit den Fans arbeiten, die Probleme vor Ort kennen und Spieltag für Spieltag operativ tätig sind, so gut es eben geht. Auch nicht geladen sind die sogenannten Fachkundigen, also Wissenschaftler, die sich den Themen Fans und u.a. Gewalt annehmen. Man kann also vermuten, dass hier schlechtestenfalls ein Haufen falscher Vorurteile am Tisch zusammengetragen wird und dieser nicht folgenlos bleibt. Darum hier die Forderungen der Wissenschaftler:

Beziehen Sie die Erfahrung von Menschen, die unmittelbar mit der Fanszene in Kontakt stehen (Fanbeauftragte, Fanprojekte, Wissenschaftler/inn/en, etc.) stärker kontinuierlich und strukturell mit ein.

Beteiligen Sie verstärkt grundsätzlich Fanvertreter an zukünftigen Gesprächen – auf Augenhöhe. Brechen Sie den Dialog zur aktiven Fanszene nicht ab, sondern intensivieren Sie ihn. Betrachten Sie Fans als Sicherheitspartner, nicht als Sicherheitsrisiko.

Verfallen Sie nicht der Illusion, mit ad-hoc-Maßnahmen, Verboten und neuen, fragwürdigen Datensammlungen Probleme rund um den Fußball lösen zu können.

Investieren Sie in eine Erforschung der Fankulturen, um Maßnahmen gezielter an Ursachen anzuknüpfen und bei Gewalt- oder Pyrovorkommen eloquenter der (Medien-)Öffentlichkeit gegenüber treten zu können.

Statten Sie alle Fanprojekte so aus, wie es das NKSS vorschreibt.

Richten Sie eine unabhängige, professionelle Ombudsstelle als vermittelnde Instanz ein.

Reformieren Sie Polizeistrategien und Ideen der (präventiven) Konfliktschlichtung, indem sie die heutige Lebenswelt von Fußballfans verstärkter berücksichtigen.

…für das deutsche Vaterland! Danach lasst uns alle streben…

In der Frankfurter Rundschau findet sich heute mal wieder ein Kommentar zur deutschen Außenpolitik. Zwei Standpunkte werden vorgetragen. Es geht um die UN-Abstimmung über die Mitgliedschaft Palästinas in der UNESCO. Deutschland votierte dagegen. Palästina wurde mit der Mehrzahl der Stimmen trotzdem aufgenommen. Das kommt einer halben Anerkennung als UN-Vollmitglied und eigenständigem Staat gleich. Und die EU präsentierte sich wieder einmal nicht geschlossen. Ein ganz großes Debakel für EU und Deutschland, attestiert Steffen Hebestreit, Redakteur der Frankfurter Rundschau. So stärkt man Deutschland und die EU in der internationalen Politik nicht und isoliert sich, lautet das Urteil. Daniel Haufler verweist auf den BND, der es in Bezug auf Gute Kontakte ja weiterhin richten könne. Außerdem verfolge man damit wenigstens einen stringenten Nahost-Kurs. Die Opposition meckert, dass das nach der Libyen-Entscheidung nun der zweite große Patzer für die Merkel-geführte Bundesregierung ist. Die Bundeskanzlerin und Co-Pilot Westerwelle führen das Land, die Nation, nicht zum Erfolg, sondern vergeben Chancen zum Kurswechsel und zur Machtsicherung. Dass es bei den deutschen Interessen wieder nur um Absatzmärkte, willfährige Regime und Billigpproduktionsländer geht, steht schon längst nicht mehr zur Debatte. Imperialismus… kann so diskurs-freudig sein.