Archiv für Februar 2012

Das Elend dieser Welt

Winter kann so schön sein, wenn er nur leicht unter Null liegt und schneebedeckte Landschaften Harmonie ausstrahlen. Glaubt man der bürgerlichen Presse, kann er auch ganz und gar tödlich sein. Für Obdachlose nämlich:

„Kältewelle lässt Obdachlosenunterkünfte aus allen Nähten platzen!“ konnte man gestern der Dauerpropaganda-Bestrahlung der U-Bahn entnehmen. Wie muss man sich das wohl vorstellen? Hat ein Herr Kältewelle den Brief mit dem Räumungsbescheid abgeschickt und ihn dann zusammen mit der Firma Tiefdruckgebiet durchgesetzt? Hat die Kältewelle eine Wirtschaft eingerichtet und die Leute aufs Zurechtkommen in ihr festgelegt, in der viele eben das – aufgrund von Leistungsdruck, fehlenden Jobs, Armut – nicht mehr können und deswegen „Aussteiger“ werden bzw. dazu gemacht werden? Hat die Kältewelle die Leute kaputtgemacht, ihnen die Kontos geleert, so dass sie sich nun als Junkies und Bettler als absoluter Bodensatz einer der reichsten Gesellschaften des Erdballs herumtreiben und reihenweise erfrieren, wenn die kältesten Tage des Jahres kommen?
Davon, dass die bürgerliche Presse von all den realen Gründen für den persönlichen und finanziellen Ruin der Leute, die in der Art, wie hierzulande gewirtschaftet wird, nichts wissen will, zeugt eine selten dämliche Überschrift, die genau am Endpunkt der Entwicklung ansetzt und diesen als nicht zu hinterfragend natürlich darstellt. Fallende Temperaturen kann man eben nicht kritisieren.

Und noch eine Härte kapitalistischer Gesellschaft wird gerade wieder offenbar, wo im Zuge des drohenden Staatsbankrotts Griechenlands sämtliche Sozialpolitik heruntergefahren wird: Aus Mangel an Geld, ohne das man gegenwärtig keine Chance auf Leben hat, und eigener Geldquelle (staatlich oder wirtschaftlich) treibt es die Leute sogar so weit, dass sie die Erkrankung an HIV in Kauf nehmen, um sich so noch ihre Existenzsicherung zu bewahren.

Etwa 500.000 Menschen müssen in Griechenland ohne eigenes Einkommen zurechtkommen. […]
In Griechenland erhalten Arbeitslose für höchstens ein Jahr Arbeitslosengeld. Danach gibt es keine Hilfe vom Staat mehr.[…]
[Unter den Infizierten] seien schwangere Frauen, die Vorsorgeuntersuchungen erhielten, Kinder, die Impfungen benötigten, Menschen, die kein Einkommen mehr hätten oder auch Beamte, deren Gehälter drastisch gekürzt worden seien. Immer mehr Menschen würden auch um Lebensmittel bitten[…].

Schöne freie Welt.