Archiv für März 2012

Rowdytum & Trunkenheit

Im Herzen ein Skin

„Skindhead war, wer sich keine teuren Klamotten kaufen konnte und das auch zeigen wollte.“ Die erste Rationalisierungswelle hatte Großbritannien erreicht und die Wirtschaftswunderjahre auch im Mutterland der Industrie beendet. Das Lehrstellenangebot schrumpfte innerhalb von vier Jahren um ein Viertel, Arbeitslosigkeit bestimmte den Lebensalltag vieler Familien in East-London. Doch während die Zukunftsaussichten für die Masse der Arbeiterkids immer düsterer wurden, bildete sich gleichzeitig eine neue, junge finanzkräftige Mittelschicht heraus: Aufsteiger, die von der Rationalisierung profitierten. Computerexperten, Städteplaner, Architekten überrollten nun die Arbeiterviertel Londons wie Westbereins Neureiche 20 Jahre später das autonome Kreuzberg. Yuppies, aber auch Intellektuelle, KünstlerInnen und revoltierende Bürgerkinder zogen nach East- und South-London. Ganze Straßenzüge wurden abgerissen, billiger Wohnraum durch überteuerte Appartements und Luxusläden ersetzt. Der vormalige Arbeiterkiez hatte sich gründlich verändert.
Ein Klassenkampf entlang neuer Fronten entfaltete sich: Hippies mit wohl sittuiertem Elternhaus und „gehobenem“ Bildungsniveau erträumten den Untergang der Industriegesellschaft. Mit Marcuse und Castaneda erprobten sie die Konsumverweigerung und den Ausstieg aus der Leistungsgesellschaft, trafen nun aber auf Underdogs, denen gerade der Einstieg verwehrt wurde. Die Kids reagierten trotzig auf die Invasion ihres Reviers und kehrten die Prolo-Herkunft demonstrativ heraus. Männliche Härte gegen lange Haare und bunte Klamotten, proletarische Disziplin gegen Drogen und Mystik. Straßenkämpfe gegen die Mittelschichtkinder wurden neben Fußball und Bier das sinnstiftende Hobby der Kurzgeschorenen.

In: Klaus Farin & Eberhard Seidel: Krieg in den Städten – Jugendgangs in Deutschland. Archiv der Jugendkulturen-Verlag, Berlin.

Dear Cass

Lesung „Rasen der Leidenschaften“ in der FC Magnet Bar


Am gestrigen Abend wurde in Berlin-Mitte zur Vorstellung des Buches „Rasen der Leidenschaften“ geladen. In weniger als einer halben Stunde kam zunächst Autor Christian Wolter zu Wort und trug ein paar Geschichten aus dem Buch vor, die sich zumeist mit historischen Gegebenheiten von krawallierenden Fußballfreunden befassten (und einen ganz guten Eindruck vermittelten, dass das keineswegs Phänomene der heutigen Zeit sind). Im zweiten Teil der Veranstaltung kamen einige Mitarbeitende zu Wort und das Publikum fragte nach, was es denn über das Buch hinaus noch zu berichten gäbe, wieviel Zeit Christian Wolter investiert habe und wie es sich mit den Quellen verhält. Und so kam der Autor auch dazu sein nächstes Buch anzupreisen, bei dem ein paar weitere Anekdoten wiedergegeben werden sollen. Da ich das Buch bereits seit dem Fankongress mein Eigen nennen darf, kann ich allen historisch Interessierten nur ans Herz legen das gute Stück zu kaufen. Mehr als 60 Stadien und Fußballsportanlagen werden beleuchtet und das nicht nur in statistischer Hinsicht, sondern auch mit den Geschichten, die sich um die Plätze wölben. Das macht das Buch in jeder Hinsicht lesenswert. Auch, weil ein paar Grounds dabei sind, die dem einen oder anderen gar nicht (mehr) so präsent sind. Auf jedenfall ein Fußballbuch der besonderen Sorte!