Archiv für Juni 2012

„Hörend die Reden, die aus deinem Hause dringen, lacht man. – Aber wer dich sieht, der greift nach dem Messer – Wie beim Anblick einer Räuberin.“


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Europa schaut nach

Wenn man wissen will, was die Linken über die Welt denken, ließt man die ‚junge Welt‘. Wenn man wissen will, was tatsächlich in der bürgerlichen Welt passiert, ließt man die ‚Süddeutsche‘ und ‚Frankfurter Allgemeine‘ oder mit sozialdemokratisch-grünen Avancen die ‚Frankfurter Rundschau‘ und ‚taz‘. Dank freier Verteilung kam ich gestern in den zweifelhaften Genuss der jW und war von einem Leserbrief dann doch überrascht, der sich mit dem neuen französischen Präsidenten Hollande befasst und ganz und gar nicht so dumm ist.

Europa schaut nach links. So eine beliebte politische Lagebeurteilung im linken Blätterwald der Republik. Auch die linke Tageszeitung junge Welt möchte sich dieser Einschätzung nicht in Gänze entziehen. Gibt man sich doch auch hier gerne der Vorstellung hin, daß die linke politische Trendwende in Europa auszumachen ist. Unterfüttert wird dies allenthalben mit der offensichtlich erfolgreichen Mobilisierung des jeweiligen Wählervolks durch staatstragende sozialistische Parteien (oder Wahlbündnisse) in diversen europäischen Staaten (so PS, Front de Gauche etc. in Frankreich, SYRIZA in Griechenland). Einmal abgesehen davon, was von einem politischen Linkstrend zu halten ist, der seinen Erfolg in einer gelungenen Wählerbetreuung materialisiert und weniger in einer organisierten Agitation für eine erfolgreiche und eigenständige praktische Aufkündigung des kapitalistischen Dienstverhältnisses durch dessen Untertanen, bleibt die spannende und zu beantwortende Frage nach der Programmatik dieser ausgemachten Linkswende. (mehr…)

Carpe Noctem-Magazin aus Leipzig

Die Ultras sind, das kann man drehen und wenden, wie man will, eine Patchwork-Kultur. Ausgehend von ihrem originär fankulturellen Erscheinen, hat sich um die eigentliche Sache des organisierten Fußballsupports eine ganze Reihe anderer subkultureller Formen an und in ihr versammelt, was nicht zuletzt einer der ausschlaggebenden Punkte dafür ist, dass die Kultur der Ultras dermaßen blüht und die – vor allem – Jugendbewegung dieser Zeit ist.
Einen nicht geringen Teil der Mentalität nimmt so inzwischen die Sparte Streetart und Graffiti ein, in der sich kaum noch eine Szene allein hässliche Tags, schlecht gelayoutete Sticker oder dergleichen mehr geben will, sondern auf Qualität und auch die Codes dieser anderen Szene geachtet wird. Zu einem der Hotspots der Fußballstraßenkünstler zählt ganz sicher die Fanszene um den Verein Chemie Leipzig, aus der heraus nun das Magazin Carpe Noctem erscheinen wird und damit an gleichnamige Zaunfahne anknüpft, die den Nachtaktiven Ehre erweisen soll. Und einen Trailer, wie sollte es auch anders sein, gibt es schon jetzt zu bestaunen. Wir sind gespannt! (mehr…)

Der neunte Schuss ging sauber durch die Stirn


Über Joachim Gauck wurde vor und seit seiner Amtseinführung viel gesprochen. Das verwundert nicht, ist er doch genau das, was man als den ideellen Gesamtpolitiker bezeichnen kann. Er eint alle relevanten politischen Lager der Nation, faselt unablässig von Freiheit und den beiden schlimmen Diktaturen, die unser Land durchstehen musste. Und in seiner neusten Wortmeldung schießt er in genau dieses Boxhorn: Deutschland braucht mehr Auslandseinsätze der Bundeswehr! (mehr…)

Hertha 03 Zehlendorf vs. Frohnauer SC

Während der deutsche Mob am Brandenburger Tor tobte, suchten wir nach einem geeigneten Kick für den heutigen Sonntag, der für einen gelungenen Ausklang des Wochenendes sorgen sollte und siehe da, in der Berlin-Liga hatte der letzte Spieltag mit dem Ernst-Reuter-Sportfeld direkt noch einen schönen 4.500er-Ground für uns in der Hinterhand.
Also besattelten 66% der Mannschaft die Pferde. Die übrigen 34% nutzten den Stahlwurm, um zur Spielstätte zu gelangen. Diese befindet sich in seelenruhiger Lage des Berliner Südwestens und kann mit gefühlten hundert Sportplätzen, darunter ein Fußball- und ein Hockey-Stadion, begeistern. Die Hertha 03, ihres Zeichens Platzherr, versteht sich unter dessen als der Jugend-Ausbildungsverein schlecht hin in der Hauptstadt. (mehr…)

Ewige Tabelle der Nachwende-Oberliga 2011/2012

Das ganz besonders Schöne an dem Buch „Zonenfussball“ von Frank Willmann sind die zum Teil originellen Statistiken zum Ostfußball. Darunter findet sich auch eine Ewige Tabelle der Oberliga, wie sie nach der Wende zu stande gekommen wäre. Das Prinzip ist simpel. Wie in Zeiten der DDR-Oberliga sind 14 Plätze zu vergeben, die absteigend 14 bis 1 Punkte erhalten. Da bekanntlich nicht mehr 14 Ostteams auf einem Haufen gegeneinander spielen, geht die Listung quer durch die Tabellen und genau das habe ich nun für diese Saison fortgeführt.
In der Führungsgruppe hat sich nur unwesentlich etwas verändert. Aue und Jena tauschen nunmehr die Positionen, die roten Bullen aus Leipzig arbeiten sich langsam voran und mit dem VfB Germania Halberstadt gibt es auch einen Neueinsteiger. Meistertitel sind mit Sternchen gekennzeichnet. (mehr…)

„Das harte Wort schmerzt immer, sei’s auch ganz gerecht.“

Längst sind beim Räuber-und-Gendarm-Spiel für junge Erwachsene ein paar Tabus gefallen, an die sich noch vor zehn Jahren die allermeisten Ultras zwischen Rostock und Burghausen hielten: Wenn überhaupt, dann wurden nur gegnerische Ultras ihrer Fanutensilien beraubt. Heute müssen beim „Abziehen“ auch Familienväter und deren Kinder dran glauben.
Einzelfälle? Gewiss. Aber es sind Einzelfälle, die sich in den vergangenen Jahren so gehäuft haben, dass der Beobachter nicht mehr sicher sein kann, welcher der beiden Pole die Oberhand behalten wird. Der, der Rebellentum inhaltlich definiert. Oder der, der maximale mediale Aufregung für einen Beweis der eigenen Widerspenstigkeit hält. Und der dabei gar nicht merkt, wie sehr er auf die Mechanismen von exakt den Boulevardmedien hereingefallen ist, die man eigentlich einmal an der Nase herumführen wollte.

Christian Ruf: Occupy Sesame Street. In: Jannis Linkelmann/Martin Thein: Ultras im Abseits? Porträt einer verwegenen Fankultur.