Wider den modernen Fußball?

In Europa wurde das Berufsspielertum unter bürgerlicher Ägide ausgehandelt, was zur Folge hatte, dass die Spieler ihren sozialen Gewinn mit „politischer“ Entrechtung zu bezahlen hatten. Während zuvor – im Gegensatz zu Argentinien – völlige Bewegungsfreiheit bestand, was u.a. dazu führte, dass Spieler gleich für mehrere Klubs kickten und diese sich zu einem besonderen Anlass verstärken konnten, funktionierte das neue System, wie es erstmals 1893 in England eingeführt wurde, nun wie folgt: Sobald ein Spieler mit einem Verein einen Vertrag abgeschlossen hatte, dessen Laufzeit die Länge von einem Jahr zunächst nicht überschreiten durfte, wurde er vom Fußballverband registriert. Es war dem Spieler dann auch nach Ablauf seines Vertrages nicht gestattet, sich einem anderen Verein anzuschließen, ohne dass sein Verein ihn vorher freigab. […]
Nach der Einführung des Transfer- und Ablösesystems begannen die Spieler darüber nachzudenken, wie sie, die zum lebenden Teil des Klubinventars degradiert worden waren, ihre Interessen besser verteidigen konnten. Ein FA-Council-Mitglied namens C.E. Sutcliff sollte den nun folgenden Konflikt als einen zwischen „Herren und Dienern“ definieren.
1899 wurde in England die erste Fußball-Gewerkschaft gegründet, die jedoch zunächst nur wenig Zulauf erhielt. Am 2.Dezember 1907 konstituierte sich dann im Imperial Hotel zu Manchester die Professional Footballer’s Association (PFA), heute die weltweit traditionsreichste und berühmteste Kickergewerkschaft. Den harten Kern der Gewerkschaft bildeten die Spieler Manchester Uniteds, namentlich Billy Meredith, der erste Star des Profifußballs und zugleich dessen erster Rebell. Meredith, der aus dem sudwalisischen Bergarbeiterdorf Chirk stammte, vertrat die Position, die den Kernwiderspruch des Profifußballs, aber auch seine methodistische Erziehung reflektierte. Meredith bestand auf einer sauber geklärten Beziehung zwischen Sport und Geld. Fußballer sollten seiner Meinung nach zwar keine Vollprofis sein und ihren Unterhalt nicht allein mit dem Spiel bestreiten. Fußball war für Meredith in erster Linie Freizeitbeschäftigung. Doch da der Professionalismus nun einmal existierte, sollten die Profis wie alle anderen Berufstätigen das Recht besitzen, so viel wie möglich zu verdienen und sich selbst zu organisieren. Die Profis wurden zwar einerseits idealisiert und in Watte gepackt, aber andererseits befanden sie sich in einem demütigenden Abhängigkeitsverhältnis zu ihren Funktionären. Sie verfügten über mehr Freizeit als andere Arbeitnehmer, konnten (und durften) damit aber häufig nichts anfangen. Diese merkwürdige Mischung trug mit dazu bei, dass schon damals viele Profis der Alkohol- und Spielsucht verfielen.
Meredith und seine Mannen forderten die Beseitigung der Gehaltsobergrenzen sowie die freie Wahl des Arbeitsplatzes. Für die Fußballer sollten die gleichen Gesetze gelten wie für jeden anderen Arbeitnehmer im Land, und nicht die korrupten Regeln des Profifußballs, mit deren Hilfe „little shopkeepers“ (Meredith) das Schicksal der Kicker bestimmten. Der damalige Konflikt ist mit dem heutigen um das sogenannte Bosman-Urteil durchaus vergleichbar. Seitdem es den professionellen Fußball gibt, geht es immer wieder auch um die Frage, ob das Spiel für sich eine eigene Gesetzbarkeit beanspruchen darf.
Die PFA schloss sich der General Federation of Trade Unions (GFTU) an, was die FA auf die Barrikaden brachte. Denn die GFTU-Mitgliedschaft bedeutete nichts anderes, als dass sich die Profis mit der Industriearbeiterschaft vereinigten, den Fußball als einen weiteren Industriezweig betrachteten und sich selbst als Arbeiter. Dies stand im Widerspruch zur aristokratisch geprägten FA-Ideologie: „Die FA ersuchte um eine Grundsatzerklärung der Spieler, in der diese anerkennen sollten, dass sie anders seien; dass der Fußball eine besondere Welt sei, regiert von Männern, deren Klugheit aus alter Zeit stammte und wohlwollend war.“ (Harding)
Die GFTU-Mitgliedschaft beinhaltete zudem die Möglichkeit von Solidaritätsstreiks der Profifußballer mit „anderen“ Sektoren der britischen Arbeiterschaft – für die FA-Offiziellen eine grauenvolle Perspektive. Außerdem empfand man es als demütigend, dass man mit den Spielern Lohnverhandlungen führen musste.
Das Verhältnis zur GFTU war allerdings auch unter den Spielern umstritten. Die stärksten Befürworter einer Integration in die englische Gewerkschaftsbewegung waren Meredith und seine United-Mitstreiter, denen deshalb vom Verband das Gehalt gesperrt wurde. Die Gegner fanden sich vor allem bei den Nationalspielern, also dort, wo der Einfluss der FA am größten und das Gentlemen-Element am stärksten vertreten war. Letztlich entschied man sich gegen die Integration in die Gewerkschaftsbewegung – für ein weiteres halbes Jahrhundert blieb die Beziehung zwischen „Herren und Dienern“ bestehen.

Aus: Dietrich Schulze-Marmeling (2000): Fußball – Zur Geschichte eines globalen Sports. Göttingen: Verlag Die Werkstatt.

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