Quasi konsequent.


Jürgen Elsässer, wer kennt ihn nicht? Krude ist eine gern verwendete Beschreibung für ihn. Als Wandler in der linken Welt hat er so wirklich alles durchlaufen, mit dem man sich gegen den – wie auch immer gearteten – Hegemon stellen kann. Als Mitglied im Kommunistischen Bund war das [der Hegemon] die in den Westblock eingebundene BRD. Nach dem Anschluss der vormaligen DDR war das der neue aufflammende völkische Nationalismus. So kam er zur Bahamas und wurde einer der Ur-Väter der antideutschen Bewegung. Als Fan der unterdrückten und verfolgten Völker, die sich ihrer Souveränität beraubt oder bedroht sehen müssen, wurde es alsbald die Junge Welt und zur Jahrtausendwende deren Spaltprodukt, die Jungle World, der er sich verschrieb.
Nungut. Die Völkerschaften und Feindschaften mögen das eine und das andere Mal gewechselt haben, aber in der Parteinahme für die Völker, da war er immer dabei. Und so behielt er seinen Kurs auch mit dem Irak-Krieg bei. In fleißiger links-reflexiver Manier begann er sich gegen die Antideutschen und sein inzwischen neues Projekt beim Konkret-Magazin zu wenden. Der zu bekämpfende Hegemon war nunmehr nicht mehr das eigene Land, sondern der US-Imperialismus, der reihenweise die Souveränitäten anderer Völker samt ihrer Staaten missachtet. Zumindest damit hat er – zugegebenerweise – etwas getroffen, allerdings mal wieder die völlig falschen – aber umso linkeren – Schlüsse gezogen: Auch hier wurde Partei genommen, wo doch die Wahl nur zwischen Pest und Cholera bestand.
In Gegnerschaft zu den USA landete er schließlich bei Kopp Online. Mit der Finanzkrise rief er eine Volksinitiative aus, die die Unterjochung unseres Volkes und anderer europäischer Völker durch das anglo-amerikanische Finanzkapital angehen wollte. Seine Kritik an Deutschland wandte sich zu einer Kritik der deutschen hegemonialen Politik. Von der Kritik zum Beispiel an eben jenen, die nicht ganz zufällig diese Politik qua Wahlen ins Recht setzen, war nun nichts mehr zu sehen. Das ist die Differenz und gleichzeitig Gemeinsamkeit seiner weltanschaulichen Praxis der letzten 25 Jahre. Damals wie heute ist es die unterdrückte Klasse – das Volk –, deren Partei er ergreift, weil sie eben von den Herrschenden unterdrückt werden. Weshalb er heute – im Gegensatz zur Wende-Zeit – durch und durch affirmativ mit diesen verkehrt, ist auch nicht schwer beantwortet: Waren ihm die Deutschen und der hegemoniale deutsche Nationalismus einst viel zu souverän und völkisch-bedrohlich, weil sie eine Einheit von Volk und Führerschaft suggerierten, ist ihm das Deutschland der Finanzkrise und mit diesem selbstverständlich das deutsche Volk viel zu wenig souverän, sprich: vom US-Finanzkapital unterdrückt.
Als einer der führenden Sprecher der rechten Montagsdemonstrationen sieht er sich nun im Aufwind. Die Teilnehmerzahlen der Kundgebungen steigen und Seit an Seit mit dem nicht weniger umstrittenen KenFM wettert er für den Frieden, der nur nicht aufrecht erhalten werden kann, weil sich Deutschland im Rahmen der EU zum Handlanger der US-Politik macht, die ukrainische Regierung unterstützt und gegen Putins Russland agiert. Russland und der Iran sind längst zu seinen Lieblingen geworden, bieten sie den USA doch die Stirn. Und während heute Sebastian Schmidtke und andere bekannte Faschisten aus Berlin und Brandenburg quasi direkt neben ihm auf dem Potsdamer Platz stehen, plärrt der alte Mann mit den grauen Haaren seinen Friedensdemonstranten entgegen:

Der wahre Antifaschismus steht hier auf dem Platz.

Witz hat der Typ schon irgendwie. Offen bleibt, wo seine Reise hingeht. Sein Weg für die Souveränität der Völker ist weniger krude als vielmehr konsequent. Die AfD dürfte ihm dafür wohl im Ganzen noch zu liberal sein.

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