Wer ist Martin Thein?

Es ist nun drei Jahre her, da Dr. Martin Thein auf die Bühne der Fankulturforschung getreten ist. Mit Jannis Linkelmann hat er dessen Master-Arbeit zu den Ultras Nürnberg, einer Feldstudie auf Basis von Interviews, unter dem Titel „Alles für den Club!“ veröffentlicht und in den folgenden zwei Jahren mit „Ultras im Abseits?“, „Mein erster Stadionbesuch“ und „Fußball – Deine Fans“ nachgelegt. Herausgestochen ist seinerzeit zum einen, dass er selbst kaum Beiträge verfasste, sondern mehr durch Interviews glänzte, die er im Rahmen dieser Bücher geben durfte. Zum Anderen war auffällig, dass er zu einem sehr breiten Spektrum an Teils renomierten und prominenten Personen Kontakte pflegt. Das muss per se nicht verunsichern, ist aber auffällig.

Über sein Vor- und anderes Leben war bis dahin nur bedingt bekannt. Als Politik- und Psychologiestudent promovierte er mit einer qualitativen Studie – also Interviews – über Neonazis in Deutschland unter dem Titel „Wettlauf mit dem Zeitgeist – Der Neonazismus im Wandel“. An der TU Dresden, wo er diese Doktor-Arbeit schrieb, ist bekanntlich auch Extremismus-Theoretiker Uwe Backes ansässig. Die Extremismus-Theorie, das wissen wir, ist nichtzuletzt inhaltlich-ideologische Arbeitsgrundlage des Verfassungsschutzes, seien doch sämtliche Extremisten einfach extrem und damit gleichermaßen gefährlich – egal welche Inhalte sie damit verfolgen mögen. Uwe Backes seines Zeichens, es erübrigt sich beinahe die Erwähnung, ist denn auch Berater des Verfassungsschutzes.

Kommen wir zurück zu Martin Thein, der sich da in seinen Veröffentlichungen mit einer wissenschaftlichen Mitarbeiter-Stelle am Institut für Sportwissenschaft in Würzburg rühmte und Mitbegründer sowohl der inzwischen viel beachteten Plattform „fankultur.com“ als auch des Instituts für Fankultur an der Julius-Maximilians-Universität in Würzburg war. In diesem Zusammenhang durfte er auch dem Blickfang Ultra in Ausgabe 24 ein Interview geben. Darüber hinaus zeichnet er sich ebenso als einer der Mitbegründer der „Kompetenzgruppe Fankulturen und Sport bezogene Soziale Arbeit (KoFaS)“ aus Hannover verantwortlich, in der nunmehr unter anderem Gerd Dembowski, Gunter A. Pilz und Jonas Gabler arbeiten.

Das Jahr 2012 war auch jene Situation, in der nicht nur die öffentliche Sicherheitsdiskussion um Pyrotechnik und Gewalt geführt wurde, sondern in der auch bekannt wurde, dass die Polizei offenbar mit V-Leuten in den Fußballfanszenen operiere. Die Fußballfans, insbesondere die politisierten Ultras, werden also von den Behörden der Innenpolitik durchaus als Sicherheitsrisiko angesehen und entsprechend behandelt. Zu diesen Behörden der inneren Sicherheit gehören allerdings nicht nur die Polizeien und Kriminalämter, sondern auch die Landesämter und das Bundesamt für Verfassungsschutz. Würde man nun – mit einigen wenigen Ausnahmen in Leipzig, Cottbus, Aachen oder Chemnitz – unterstellen können, dass die unpolitische Welt des Fußballs für die Schlapphüte uninteressant sei, muss die Personalie Martin Thein dies grundsätzlich infrage stellen.
Denn wie nunmehr durch ein Buch über den NSU bekannt wurde, hat Thein für das Bundesamt für Verfassungsschutz als V-Mann-Führer gearbeitet. Offenbar war er also nicht nur Extremismus- oder Neonazismus-Forscher, sondern durchaus auch auf andere Art und Weise forschend tätig: Nämlich um für eine Behörde der inneren Sicherheit Informationen zu Gefährdern der öffentlichen und staatlichen Ordnung einzusammeln.

Auch wenn dies längst kein Beweis ist, dass Thein auch gegen die Ultras und andere Fußballfans derlei Tätigkeiten nachgegangen ist, macht es dennoch stutzig und sollte nicht ohne weiteres unkommentiert bleiben, weil damit für bestimmte Personen und Zusammenhänge Probleme und staatlicherseits hergestellte Gefahrenlagen verbunden sind. Wer ist Martin Thein? Was war seine Motivation vom Neonazismus- zum Fankultur-Forscher zu wechseln? Unterhält er weiterhin Kontakte zu organisierten Neofaschisten und dem Bundesamt für Verfassungsschutz?

Edit: Von Katharina König (MdL Thüringen) kommen noch zwei weitere Fragen. Ist Fankultur.com möglicherweise vom Verfassungsschutz finanziert? Greift das Bundesamt für Verfassungsschutz darüber möglicherweise Informationen über Ultras und andere Fußballfans ab?

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6 Antworten auf „Wer ist Martin Thein?“


  1. 1 Jimbo Jones 03. Juli 2014 um 17:58 Uhr

    An dieser Stelle will ich auch nochmal darauf hinweisen, dass die genannten Zusammenhänge, wie die KoFaS, meines Wissens in keinem Zusammenhang mit den Verfassungsschutzämtern stehen und dies mit dem Artikel auch nicht suggeriert werden sollte. Vielmehr sollten sie illustrieren, in welchen Ecken sich Martin Thein zeitweise bewgt und Vertrauen genossen hat oder genießt.

  2. 2 FANKULTUR.com 04. Juli 2014 um 7:05 Uhr

    Auf die abschließenden Fragen ob das Projekt FANKULTUR.com vom BfV finanziert ist/wurde und ob darüber möglicherweise Informationen über Ultras und andere Fußballfans gesammelt wurden, bitten wir folgendes im Text zu ergänzen:

    Die Fanplattform wird privat betrieben und ist vollständig eigenfinanziert.
    Ob der Verfassungsschutz oder gar Dr. Thein persönlich während seiner aktiven Tätigkeit für das Projekt Informationen von/über unsere Plattform verarbeitet ist uns nicht bekannt und können wir auch nicht beurteilen.

    // FANKULTUR.com

  3. 3 Gaston 04. Juli 2014 um 10:25 Uhr

    @Fankultur

    Da könntet ihr ja Licht ins Dunkel bringen… Anstatt den Berichterstatter*innen Sätze zu diktieren und Unwissenheit vorwerfen könntet ihr ja auch SELBST umfassend Stellung nehmen und Unklarheiten beseitigen.

  4. 4 Jonas Gabler 04. Juli 2014 um 14:11 Uhr

    Da nun auch schon ein paar Anfragen bei mir ankamen, äußere ich mich auch nochmal dazu.
    Wie Jimbo Jones richtig anmerkt, war Martin Thein (und Jannis Linkelmann) an Treffen in der Vorgründungsphase der KoFaS beteiligt. Beide stiegen jedoch noch vor der offiziellen Gründung aus dem Projekt aus und waren damit nie Teil der Ende August 2012 gegründeten KoFaS-Gruppe. Seitdem bestand keine Zusammenarbeit mehr, folglich waren beide zu keinem Zeitpunkt in die inhaltliche Arbeit in unseren Projekten involviert.

    Mit besten Grüßen,

    Jonas Gabler

  1. 1 NSU-Komplex erreicht Ultra-Szene Pingback am 04. Juli 2014 um 13:03 Uhr
  2. 2 Untersuchungen zur NSU erreichen Fußballszene | Fanzeit Pingback am 04. Juli 2014 um 14:12 Uhr
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