In dubio pro reo?

In den letzten Tagen habe ich noch einige Male über die ‚Causa Thein‘ nachgedacht. Nichtzuletzt veranlassen mich Gespräche mit Freunden und Bekannten, aber durchaus auch der Publikative-Artikel dazu, hier nochmal etwas nachzureichen.

An dieser Stelle will ich ausdrücklich betonen (da manch einer ja geneigt ist, nur zu lesen, was er lesen will), dass ich mit Thein selbst, wie im Weiteren geschrieben, lediglich 2012 über etwa drei bis vier Monate Kontakt und diesen nur über Facebook/Mail hatte und ihm zudem keine relevanten Informationen habe zukommen lassen. Genaueres darf ggf. auch über persönlichen Kontakt gern erfragt werden.

Voran möchte ich allerdings nochmal betonen, dass die Nennung einiger seiner Stationen, wie Fankultur.com, das Institut für Fankultur (IfF) in Würzburg oder die KoFaS, nicht den Eindruck erwecken sollte, dass diesen Stellen – auch heute noch – zu misstrauen ist, sondern bebildern sollte, dass Thein während seiner ‚aktiven Zeit‘ äußerst umtriebig war. Vielmehr sind mir die KoFaS und das IfF als kollegiale, ehrliche und engagierte Fans und Wissenschaftler bekannt, die um die Problematik wissen und mit der Aufarbeitung ihrerseits befasst sind. Zur KoFaS hat Jonas Gabler selbst bereits ein Statement (verifiziert) abgegeben:

Wie Jimbo Jones richtig anmerkt, war Martin Thein (und Jannis Linkelmann) an Treffen in der Vorgründungsphase der KoFaS beteiligt. Beide stiegen jedoch noch vor der offiziellen Gründung aus dem Projekt aus und waren damit nie Teil der Ende August 2012 gegründeten KoFaS-Gruppe. Seitdem bestand keine Zusammenarbeit mehr, folglich waren beide zu keinem Zeitpunkt in die inhaltliche Arbeit in unseren Projekten involviert.

Kommen wir nun wieder zu Thein und – weil ich das für nötig halte – auch zu meinen persönlichen Erfahrungen mit ihm. Kennengelernt habe ich Thein in erster Linie über Facebook, gelegentlich hatten wir auch Mail-Kontakt. Der bis dahin in Fan-Kreisen weitestgehend Unbekannte war seinerzeit auffällig interessiert an Informationen zu Fanszenen und möglichen Kontakten zu diesen. Nun war es insbesondere 2012 nicht ungewöhnlich, dass unbekannte Personen im Bereich der Fankulturforschung aufgetaucht sind, haben doch die Pyrotechnik-Diskussion und neue Projekte einige neue Gesichter hervorgebracht. Besonders hervorgestochen ist jedoch nur Thein, der, wie Publikative auch schon schrieb, auffällig rege Publikationen realisierte. Im Rahmen einer solchen bin auch ich mit ihm in Kontakt gekommen. Über eine ganze Weile schrieb er mich so auch regelmäßig, teils täglich, an.

Gegenstand unserer Gespräche war nicht nur ein, meiner Meinung nach, obflächliches Erkundigen nach meinem Befinden seinerseits, sondern auch – und nun wird es interessant – was ich von dieser und jener Fan- und Ultraszene und einigen Entwicklungen halte und was ich denke, wohin die Reise denn ginge. Dabei fragte er insbesondere danach, was ich von der Ultraszene beim 1.FC Köln halte und ob ich ihm Informationen zu den Strukturen in den Fanszenen bei den Geißböcken, aber auch bei meinem eigenen Verein, dem F.C. Hansa, geben könnte. Dies war schon seinerzeit auffällig und wunderte mich, wo er sich doch als ein an Fankultur Interessierter ausgab, der obendrein in Köln lebt(e) und insofern doch mehr oder minder Zugang zur dortigen Fanszene hätte bekommen können. Insofern, ich habe ja nun auch einiges über Ermittlungsbehörden im Fußball- und Politikkontext gelesen und gehört und weil bestimmte Informationen einfach nicht niedergeschrieben gehören, verblieb ich dabei, ihm oberflächliches Wissen, das er allein schon über das Internet hatte erfahren können, preiszugeben. Dass die Wilde Horde oder die Suptras an ihren jeweiligen Standorten die ultra-technischen ‚Hauptgruppen‘ sind, dürften ja selbst die hintersten Bild-Leser mitbekommen haben. Wieso ich jedenfalls einem mir weitestgehend Fremden Informationen, zumal vertrauliche, offenbaren sollte, leuchtete mir nicht ein. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Und auch in einem anderen Zusammenhang fiel er mir auf. Bei Gesprächen über andere Fan-Blogger und Fankulturforscher, die er kannte, fragte er mich etwa, was ich vom Anarcho-Tattoo eines Bekannten hielte. Irgendwann gerieten wir aneinander. Ich hatte ihm Unverständnis ob seiner, meiner Meinung nach, unkritischen Äußerungen entgegnet. Er wiederum schien genervt, dass ich dies einforderte und verwies auf ‚prominente Bekannte‘, die er damit nicht verprellen könne.

Martin Thein erschien zunächst als ein sehr engagierter und motivierter Kollege. Im Laufe der Zeit aber erweckte er zunehmend mehr den Eindruck, dass es ihm weniger als anderen um die Sache der Fankultur ginge. Vielmehr galt er mir und anderen bald als eine Art aalglatter Karrierist, der Informationen anderer abgreifen und zum eigenen Vorteil nutzen wollte. Dass er sich irgendwann von mit abgewendet hat, deutete ich anno dazumal als Geste, dass ich eben für diese Masche nicht zu haben und insofern für ihn uninteressant sei.

Nun allerdings, mit dem Wissen um seine – zumindest vormals gesicherte – Verfassungsschutztätigkeit, verändert sich selbstredend dieses Bild und die verschiedenen Puzzle-Teile ergeben eine andere Spur. In rechtsstaatlich verfassten Gesellschaften gilt bekanntlich die juristische Formel ‚in dubio pro reo‘, ‚Im Zweifel für den Angeklagten‘. Aber auch der Rechtsstaat kennt Ausnahmen von der Regel. Solche Ausnahmen stellen zum Beispiel Verfahren gegen kriminelle und terroristische Vereinigungen, also durchaus Verfahren politischer Justiz, dar. Hier gilt, dass, wo die Indizien ausreichen, eine Täterschaft, weil naheliegend, quasi erwiesen ist – oder eine Mitwisserschaft und insofern ein Beitrag zur Tat zu unterstellen ist. Die Ermittlungsbehörden und obendrein die Geheimdienste sind genau genommen die Kehrseite dieser politischen Justiz. Sie tragen Indizien zusammen und beobachten ganz grundsätzlich und unter ‚Beugung‘ des juristisch Erlaubten. Wenn also für die als Feinde ausgemachten Angeklagten rechtsstaatliche Prinzipien nur noch bedingt gelten sollen, wieso sollen sie dann für ihre Kehrseite, die Ermittlungsbehörden, in Gänze zur Anwendung kommen?

Die Puzzle-Teile, die nunmehr auf dem Tisch liegen, sind folgende: Bekanntlich gab es 2012 umfangreiche Ermittlungen gegen Teile der Kölner Fan- und Ultra-Szene. Gleichzeitig tobt im Land die Diskussion um die Ultras und ihr Stilmittel, die Pyrotechnik, das sie nicht ohne weiteres aufgeben wollen. Im Rahmen dessen erlebt auch die Fankulturforschung eine gewisse Blüte. Es entstehen neue Initiativen und Projekte. Aus einer Reihe neuer Gesichter sticht Thein heraus, ist anfänglich an einigen dieser Projekte beteiligt, beginnt ein breites Netzwerk aufzubauen und rege zu publizieren. Personen aus Fanszenen oder jenen, die Fanszenen nahe stehen und Einblicke haben, erscheint Thein als äußerst wissbegierig und insofern schon zu dieser Zeit mit unter auffällig. Irgendwann reißt der Kontakt bei etlichen Personen zu Thein ab.

Damals nahm ich an, dass er mit seinem Karrierismus teils an den bereits existierenden und resistenten Netzwerken gescheitert wäre und sich deswegen anderen Gruppen oder Themen zugewand habe. Zumindest war von ihm alsbald nichts mehr zu hören. Jetzt jedoch, mit dem Wissen um seine BfV-Tätigkeit, stellt es sich für mich so dar, dass – ich unterstelle hier nun die weitere Tätigkeit, weil in diesem Fall ‚in dubio pro reo‘ zum Schutz der Fanszene keine Anwendung zu finden hat – Thein für das Verfassungsschutz-Bundesamt unter Wahrung seiner Wissenschaftler-Rolle ermittelt hat und nach ausbleibenden Erfolgen (oder weil sich die Ultras dann nun doch nicht als in diesem Maße ’staatsgefährdend‘ erwiesen haben) abgezogen wurde und insofern vorerst von der Bildfläche verschwunden ist.

Sicherlich, diese Kette ist nur eine von Indizien. Solange jedoch ein Statement von Martin Thein weiterhin ausbleibt, werde nicht nur ich von seiner weiteren Tätigkeit beim Bundesamt für Verfassungsschutz ausgehen und sein Engagement als eines der Ermittlungsbehörden einordnen.

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