George Tabori – Gefährten zur linken Hand

»Ich werde tun, was ich kann«, unterbrach Farkas ihn und griff nach seinem Glas. »Auch wenn es herzlich wenig sein wird. Aber bitte verlangen Sie kein Interesse von mir. Natürlich hat Ihr unglücklicher Bruder meine Sympathie, aber erwarten Sie keine Sympathie für ihre politischen Ansichten. Politik ist wie…«
»Keine Aphorismen, bitte.« Giacobbe di Boccas Stimme knarrte wie eine sich öffnende Tür. »Ich weiß, daß Sie sich nicht für Politik interessieren, worunter Sie eine Reihe von aufgeblasenen Staatsbeamten verstehen, die sich brüsten, bereichern oder ermüdende Dekrete erlassen, deren Nichtbeachtung Sie sich leisten können. Sie sind überall der distinguierte Fremde: eine angenehme Rolle, die Sie erhaben macht über die Einheimischen; die anderen Menschen sind für Sie nun mal Einheimische, habe ich recht?
Meine Politik ist anders. Sie befaßt sich mit dem Brot des Fischers, den Geschlechtskrankheiten der Tagelöhner, mit kranken Kinderlungen, der steigenden Krebsrate bei Alten. Mit der Tiefe, auf deren Oberfläche Sie und das Paradiso nur herumtanzen. Ich sagte bereits, daß ich einiges von Ihnen gelesen habe und entnehme dem, daß Sie das Leben in erster Linie als Episode betrachten und die Geschichte als zufällige Aneinanderreihung fragwürdiger Anekdoten. Zwei Herren streiten sich um eine Frau. Das finden Sie wesentlich und zeitlos und legen damit nahe, daß diese Dinge vielleicht die einzigen konstanten Elemente in der Geschichte der Menschheit sind. Sehen Sie doch ein, daß ihre Ansichten hoffnungslos veraltet sind.«
»Das weiß ich, aber ich beabsichtige nicht, vorzupreschen«, antwortete Farkas.
»Aber genau das will ich von Ihnen«, sagte Giacobbe. »Heute abend noch.« Er trank mehr Wein. »In San Fernando kann es jeden Moment losgehen. Natürlich nur in kleinem Maßstab, aber Sie sind hier ein prominenter Beobachter, und das könnte uns Beachtung verleihen. Ich werde traurig, wenn ich an Ihre perfekt aneinandergereihten Sätze denke, wie Perlen. Nein, wachen Sie auf. Sie müssen erwachsen werden, Signor Farkas.«

Die fröhlichen Burschen von Ravenna. Seite 104f. Steidl-Verlag.

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