Peter Czoch: Ultras in Deutschland

Mitte 2016 sind zwei neue Bücher über Ultras erschienen, die sehr ähnliche Anliegen haben: Eine Sicht auf und in die Ultrakultur aus unter anderem wissenschaftlichen Positionen heraus zu vermitteln. Das Buch ‚Ultras – Eine Fankultur im Spannungsfeld unterschiedlicher Subkulturen‘ von Gabriel Duttler und Boris Haigis ist in erster Linie ein wissenschaftliches Buch. Das wird schon durch den transcript-Verlag deutlich, der auf wisssenschaftliche Literatur spezialisiert ist.

Kurze Zeit danach kam dann auch ‚Ultras in Deutschland‘ heraus.1 Es versucht verschiedene Zugänge zu den Ultras zu ermöglichen. So gibt es eine Reihe wissenschaftlicher Artikel, etwa zur Geschichte der Ultras in Italien (Marcus Sommerey) und Deutschland (Peter Czoch), zu Männlichkeitsbildern (von Simon Volpers) und dem Verhältnis der Ultras zu den immer stärker kundenorientierten Vereinen (von Steven Adam), aber auch zur Kritik an der Datei Gewalttäter Sport (von Sandra Müller) oder den Berichten der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze der Polizei NRW (von Jonas Gabler). Wer es kultureller mag, den dürften die Artikel zum Vergleich der Ultras mit der Graffiti-Kultur (von Philip Degenhardt) oder auch zur jugendlichen Identitätssuche (von Melanie Fiedler) interessieren.

Nun sind aber wissenschaftliche Artikel nicht für jeden und jede etwas. Das liegt auf der Hand, sind sie doch nicht selten trocken, verschachtelt und überhaupt nicht spannend genug. Auch diese Leute gehen allerdings bei ‚Ultras in Deutschland‘ nicht leer aus, was sicher eine Stärke des Buches ist. Neben Fanzine-Texten der Coloniacs haben Ultras auch selbst an diesem Buch mitgeschrieben und es so auch nochmal mit subjektiven Ansichten bereichert. Nichtzuletzt seien die ausführlichen Interviews erwähnt, die deutlich aus dem herausfallen, was Kenner aus Fanzines über die Szene bereits mitbekommen haben. Hier kommen Einzelpersonen zu Wort und erzählen nicht nur von der Ultra-Kultur, sondern auch aus ihrem Leben und ihren persönlichen Ansichten. Jenseits der schönen Maskerade, die manche Gruppe und Fanszene aufbaut, darf man an dieser Stelle also mal hinter die Fassade gucken. Und auch wenn sich über die eine oder andere Auswahl der Personen streiten lässt, zeigen diese Interviews doch sehr schön auf, wie unterschiedlich die Ultras sind, dass sie eben nicht nur die Choreo-Profis und Gesangsdirigenten sind, sondern sich – wenn auch nicht immer offiziell – mit politischen Themen beschäftigen und sich in manchen Aspekten kaum vom Rest der Gesellschaft unterscheiden. Insbesondere die rund 50 Seiten lange Diskussion zwischen den Exil-Ultras, die in Berlin leben, lohnt sich. Wie auch die anderen Interviews ist dieses Gespräch in voller Länge abgedruckt und gibt einen schönen Einblick in eine bisher relativ wenig beachtete Teilgruppe der Ultras.

Dem Konzept vieler Bücher aus dem Hirnkost-Verlag, der aus dem Archiv der Jugendkulturen entstanden ist, folgend, kommen also die „Alltagsexperten“ zu Wort, wie es in der Einleitung heißt. Wer den Blick auf die Ultra-Kultur auch mal ohne Fanzine werfen will, bekommt mit diesem Buch einen interessanten Eindruck.

  1. Unverbindliche Warnung: Dieser Text ist nicht neutral, wie auch alle anderen Texte hier nicht neutral sind. Sowieso vermitteln sie immer eine vom Autoren bestimmte Sichtweise, heben Aspekte hervor und lassen andere als weniger wichtig erscheinen. Da mögen Standpunkte und Geschmäcker verschieden sein. Und natürlich sind sie auch besonders geeignet, Personen, Gruppen und Initiativen zu diskreditieren oder zu pushen. [zurück]
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